Ein Zuhause auf Zeit

Nebelverhangen, grau und nass – der Sonnenhof macht seinem Namen heute keine Ehre. Im strömenden Regen, aber dennoch eindrucksvoll, steht das denkmalgeschützte Gebäude da. Seine zahlreichen Erkerlein und das Türmchen, welches an ein würdevolles Krönchen erinnert, lassen das sonnengelbe Haus imposant wirken. Der Sonnenhof ist Zuhause vieler Gestrandeter – aber keinesfalls für immer.

Drinnen. Das Büro von Maria. Die Bilder an der Wand und der Koran in der Ecke zeugen vom Interesse der jungen Ethnologin an fernen Kulturen. In ihrer Aufgabe als Betreuerin kommt ihr das Völkerkundewissen zugut: Der Sonnenhof beherbergt Menschen vieler Nationen und Ethnien. Normalerweise bietet das Zentrum für Asylsuchende 120 Personen ein erstes Zuhause in der Schweiz. Im Moment sind 180 da. „Nein, ideal ist das nicht“, betont Maria, der das Schicksal der Menschen am Herzen liegt: „Je mehr Personen wir beherbergen, desto schwieriger ist es, auf die Bedürfnisse Einzelner einzugehen.“

 

Und dabei ist das Auf-die-Bedürfnisse-Eingehen in Marias Funktion besonders wichtig: Sie betreut UMA. Was wie der Vorname einer US-Schauspielerin klingt, ist die Abkürzung für „unbegleitete minderjährige Asylsuchende“. Über 30 Kinder ohne Begleitpersonen sind zurzeit im Sonnenhof daheim. Eine Handvoll Mädchen. Fünfmal so viele Buben. Der Jüngste erst 14 Jahre alt. „In den letzen Monaten kamen besonders viele – die meisten aus Eritrea“, fasst Maria zusammen und erklärt es im nächsten Atemzug mit der Sommerzeit, die den Fluchtweg übers Mittelmeer nach Italien etwas einfacher macht im Vergleich zu den Wintermonaten. Trotzdem ist der Weg beschwerlich. Viele sind traumatisiert. Gebrochene Kinderseelen, die zu viel gesehen haben: Hinrichtungen von Familienangehörigen, Tod in der Wüstenhölle, Überlebenskampf auf gekenterten Booten. „Krass“, denke sie jeweils, wenn ihr die Kinder von solchen Schreckensszenarien berichten. Aber richtig vorstellen könne sie sich diese Extremsituationen nicht. Wie denn auch?

 

Den Kindern Halt und ein Daheim geben. Das versucht Maria. Auch wenn dies kaum wirklich möglich ist. Für die Kinder ist sie erste Bezugsperson im Sonnenhof. Etwas entmutigt erzählt sie: „Alle kommen zu mir. Meistens mit Problemen, die ich lösen sollte.“ Heimweh ist eines der häufigeren Probleme. Die Kinder vermissen ihre Eltern und möchten sie in die Schweiz holen. „Da muss ich aufpassen, dass ich ehrlich bleibe“, gibt Maria offen zu. „In solchen Situationen ist es schwierig, nicht zu viel zu versprechen oder unrealistische Hoffnungen zu schüren.“

 

Eine eigene kleine Welt: Damit sich die auf sich gestellten Kinder möglichst wohlfühlen, haben sie unter dem Dach des grossen Hauses einen eigenen Bereich – Zutritt unbefugter Erwachsener verboten. Die sonst im ganzen Haus auffallend weissen Wände sind hier mit farbigen Kinderzeichnungen geschmückt. Die kleinen Zimmer beherbergen jeweils bis zu vier Kinder. Es fällt auf: Mädchenzimmer sind deutlich sauberer als Bubenzimmer. So sind Putzen, Aufräumen und andere „Ämtli“ gelegentlicher Zündstoff für Konflikte.

 

Und manchmal geht es um die Schule. Die Jugendlichen lernen Deutsch, Mathematik und Tastaturschreiben. Zwei Schulstunden pro Tag. Dem 16-jährigen Ahmed ist das zu wenig. Seine wissbegierigen Augen lassen keinen Zweifel daran. Maria nimmt sich deshalb mehrmals pro Woche Zeit, um mit Ahmed zu lernen. Nächste Woche wollen sie ein Buch lesen. Heute geht es um Geometrie. Ja, das mache ihm Spass, erzählt Ahmed mit spitzbübischem Lächeln. Tastaturschreiben findet er dagegen blöd. Weil Ahmed im Schulunterricht unterfordert war, wollte er nicht mehr hin. Maria konnte ihn wieder motivieren. Das ist wichtig. Denn wenn Ahmed nicht zur Schule geht, drohen Sanktionen.

 

Das kennt Ahmed bereits. „Letzte Woche wollte er nicht ins Ferienlager fahren. Wir waren mit den Kindern vom Sonnenhof eine Woche im Tessin“, berichtet Maria. Weil das Zugticket für Ahmed bereits bezahlt war, hatte die Absage Folgen: Für seinen Tagesbedarf bekommt Ahmed zwei Wochen lang nur acht Franken pro Tag – 3.50 Franken weniger als sonst. „Später habe ich erfahren, dass Ahmeds Mutter im Iran verunfallt war“, ergänzt Maria. Natürlich habe ihr das leidgetan und sie habe sein Verhalten dann besser verstanden. Dennoch müsse man halt auch streng sein.

 

Aber nicht immer ist es schwierig. Die Bilderwand im Aufenthaltsraum zeigt: Wenn es nicht wie heute in Strömen regnet, spielen die Kinder Fussball rund um den Sonnenhof, der von schützenden Bäumen umgeben ist. Ab und zu findet in dem grossen Haus eine Veranstaltung statt. Manchmal basteln und malen die Kinder oder sie lernen haushalten, nähen oder kochen.

 

Immer montags. Da kocht die Praktikantin mit zwei Kindern Mittagessen für alle. Zwei andere Kinder helfen beim Aufräumen. Jede Woche neue Aufgabenverteilung. Heute kochen die Jüngsten. Es gibt Salat und Teigwaren an Tomatensauce. Um zwölf füllt sich der Essraum, der auch Küche ist, mit mehrheitlich dunkelhäutigen Buben. Alle stehen um die Töpfe und schöpfen herzhaft daraus. „Zuerst gibt es Salat“, mahnt die Praktikantin mit überraschend bestimmtem Ton, „erst danach bekommt ihr Teigwaren.“ Widerwillig stochern die Jungs in den grünen Blättern und es ist kaum zu übersehen: Grünzeug ist nicht ihr Ding. Maria versucht dem Salat besondere Fähigkeiten zur Förderung der Muskelkraft zuzuschreiben. Bei einigen zeigt dies Wirkung und die Blätter verschwinden vom Teller. Auf anderen Tellern wird dagegen sogar das Gemüse aus der Tomatensauce gefischt und beiseite geschoben. Nach kurzer Zeit sieht es in der Küche aus, als wäre ein Wirbelsturm durchgefegt. Doch keiner der Buben steht auf, ohne sich für das Essen zu bedanken. Sicherlich auch im Wissen, bereits am Abend wieder selber kochen zu müssen.

 

Und Maria weiss, dass der Sonnenhof früher Arbeiterwohnheim für die Angestellten der nahen Viscosefabrik war. Auch heute ist der Sonnenhof ein Daheim. Aber eben nur ein Vorübergehendes. Die meisten Asylsuchenden verlassen den Sonnenhof bereits nach wenigen Monaten. Viele müssen wieder in ihre Heimat zurück. Einige gehen in die nächste provisorische Unterkunft. Nur die Jugendlichen bleiben meist länger. Damit sie sich während dieser Zeit im Sonnenhof so gut es geht zuhause fühlen – dafür sorgt mitunter Maria.