Drei gibt es nicht – weil es einfach so ist

Ich stehe in einem Pausenraum, der eindeutig das Revier von Männern ist. Der Kalender an der Wand erinnert an den Kultkalender von Pirelli. Viel Haut. Wenig Bikini. Auf engstem Raum steht alles Notwendige – pragmatisch, praktisch, gut. Den Selecta-Kaffee lehne ich aus Erfahrung ab. Im Hintergrund läuft „Another Brick in the Wall“ von Pink Floyd. „We don’t need no education“ höre ich den Kinderchor singen. Aber bald werde ich merken: Heute trifft das nicht auf mich zu.

Noch im Pausenraum erfahre ich, dass im Bahnhof Davos Platz fast 50 Züge pro Tag ein- und ausfahren. Extrazüge und Güterzüge nicht mitgerechnet. Gian Reto Cantieni, der sich selbst – warum auch immer – als „Widi“ vorstellt, erzählt viel und detailliert. Ein silbernes Ohrring, eine gleichfarbige grosse Uhr am einen Handgelenk, am anderen ein auffälliges Armband lassen vermuten, dass Widi Wert auf sein Äusseres legt. Die dunkeln, leicht grau-melierten Haare sitzen einwandfrei und sein Bart ist feinsäuberlich zugeschnitten. Widi ist der Fahrdienstleiter des wichtigen Verkehrsknotenpunktes Davos Platz. Und dies nicht erst seit gestern. „1981 habe ich bei der Rhätischen Bahn meine Lehre als Betriebsdisponent begonnen“, erklärt er mir mit Stolz. In all seinen Ausführungen schwingt seine Begeisterung für seine Arbeit mit. Und die Begeisterung steigt mit jeder meiner interessierten Fragen.

 

Aber Widi kann auch anders: Als ich – zugegeben etwas unüberlegt – von einem Rangiermeister aus Widis Team aufgefordert auf die Gleise hüpfe, wird Widis Ton lauter: „Halt!“, schreit er. „Was fällt dir ein?“ Ich zucke zusammen wie ein eingeschüchtertes Kind. Besonders an Kinder hat Widi bei seiner Unterweisung auch gedacht: „Stell dir vor ein Neunjähriger beobachtet dich, wie du ohne Sicherheitsweste auf das Zuggeleis springst. Das nächste Mal macht das Kind es ebenso.“ Energisch läuft Widi in den Materialraum und holt mir eine Weste, die kaum gelber leuchten könnte. Trotz der Grelle der Farbe ziehe ich die Weste an und lege sie bis zum Schluss nicht mehr ab. Ausserdem folge ich ab jetzt nur noch Widis Anweisungen. Sicher ist sicher.

 

So hat Widi seinen Bahnhof im Griff. Bis vor kurzem habe er auch das Stellwerk bedient, lässt er mich wissen. Seine dunkeln Augen wirken auch hinter der auffälligen Brille träumerisch, wenn er davon berichtet: Er der Meister über alle Weichen. Er hat die Züge in Davos Platz gelenkt. „Seit gut einem Jahr ist das nicht mehr so“, bedauert er. Jetzt werden die Weichen aus der Ferne gesteuert. Von Klosters und Landquart aus.

 

Die Züge rollen im Halbstundentakt in den Bahnhof ein – und wieder aus. Dazwischen hat das Team von Widi Zeit, die Züge umzuhängen, zu säubern und auf Abstellgleise zu stellen oder sie von dort wieder zurückzuholen. Ein hektisches Treiben.

 

Bei einem Zug-Manöver bin ich dabei. Zusammen mit einem Rangierleiter fahren wir den Zug aufs Abstellgleis, wo er an dort stehende Wagen gehängt werden soll. Die Weichen zum Abstellgleis haben wir davor per Funkspruch von Landquart aus stellen lassen. So geht das heute. Der Lokführer fährt ganz hinten im Zug. Rückwärts. Wir sind vorn. Per Funkkontakt geben wir dem Lokführer Anweisung, wann er fahren oder bremsen soll. Das ist wichtig, damit wir nicht in die stehenden Wagen prallen. Über etablierte Funksprüche machen wir das. Bei „Wagen lang“ sind wir eine Wagenlänge vom stehenden Zugwagen entfernt. Bei „Halbe“ ist es eine halbe Wagenlänge. Die Funksprüche „vier“ und „zwei“ folgen. Bei „eine“ stoppt der Zugführer den Zug. Punktlandung. Wir halten genau eine Hand breit vor den stehenden Wagen. Ich will noch wissen, weshalb bei den Funksprüchen die „Drei“ fehlt. „Weil es einfach so ist!“, erwidert Widi. Aha. Eine solche Antwort lasse ich nur einem Mann wie Widi durchgehen.

Widi

Illustration: Rahel Winiger