1433 Minuten
Es ist kalt und – obwohl erst halb sieben – bereits dunkel. Der Winter zeigt sich in seinem mir unbeliebtesten Kleid: Er hat alles weiss und eisig gemacht – und mir damit das Leben schwer. Warm eingepackt stehe ich an der Bushaltestelle. Friere trotzdem. Der Biswind durchdringt meine Jeans, als ob sie gar nicht da wäre. Der letzte Tag des Jahres neigt sich schon bald seinem Ende zu und wir sind unterwegs zum Silvester-Dinner, wo man uns – trotz bestätigter Reservation – nicht erwartet. Aber das ist egal, denn wir werden sowieso nie dort ankommen.
Wir warten auf den Bus. Immer noch. Immer noch in eisiger Kälte. Hinter uns leuchtet der Busfahrplan in grossen, grellen Zeichen. Noch fünf Minuten. Dann kommt unser Bus. Noch vier Minuten … friere immer noch … drei Minuten, zwei … Wieso kommt unser Bus nicht? Ich blicke erwartungsvoll die Strasse entlang zur Abbiegung, wo ich jeden Moment den Bus um die Ecke kurvend erwarte. Wie ein Fussballer tripple ich von einem Bein aufs andere, um meine eisigen Füsse nicht erfrieren zu lassen. Blick zurück zur leuchtenden Anzeigetafel. Was? Die Nummer acht fährt erst in 1433 Minuten! 1433 Minuten? Aber das sind ja unendlich viele kalte Momente an diesem eisigen Flecken Erde. Genaugenommen sind das 23.9 Stunden – fast ein ganzer Tag also. In 1433 Minuten wird das neue Jahr bereits 18.5 Stunden alt sein.
Also 1433 Minuten an einer kalten Bushaltestelle warten? Was lässt sich damit denn sonst anstellen? In 1433 Minuten liesse sich fast 72 Mal das „20 Minuten“ in der dafür vorgesehen Zeit durchblättern. In dieser Zeit liessen sich 85980 Sekunden zählen. 1433 Minuten würden reichen, um drei komplette Staffeln „The Big Bang Theory“ oder fast zweimal alle sechs Star-Wars-Filme zu schauen. In 1433 Minuten liessen sich viele unerledigte Dinge erledigen: Es liessen sich Hosen kürzen, Briefe schreiben, Rechnungen bezahlen, Altglas entsorgen, Einkauflisten oder Beschwerdebriefe schreiben. Diese vielen Minuten liessen sich aber auch für schöne Dinge nutzen wie beispielsweise eine Lego-Burg bauen, jeden Fingernagel in einer anderen Farbe lackieren, Locken in die Haare drehen oder beim Anblick der Ferienfotos in Erinnerungen schwelgen und dabei bereits die nächsten Ferien planen. Es liesse sich stundenlang – nämlich 23.9 – tief in die Augen schauen oder gegenseitig Komplimente machen und erwidern. Oder es liesse sich unter der warmen Wolldecke auf dem Sofa ein dickes Buch lesen.
Silvesternächte werden überbewertet. Lass uns nach Hause gehen und all diese Dinge tun.
