Mann braucht Nerven auf Reisen

Auf Reisen wird der Unterschied zwischen Mann und Frau besonders deutlich. Ich spüre dann meine ursprünglichsten Bedürfnisse noch dringlicher als sonst – was bei Männern scheinbar nie so ist. Nicht ohne Grund hat mir mein Freund das schwarze T-Shirt geschenkt, auf dem in grellen, vorwurfsvollen Grossbuchstaben die Aufschrift „HUNGER – PIPI – KALT“ leuchtet. Die drei Worte bringen auf den Punkt, was nicht zu leugnen ist: Eines dieser drei Grundbedürfnisse ist – ganz besonders wenn ich unterwegs bin – immer akut. Darum kümmere ich mich ständig um etwas. Fragen drängen mich: Bin ich genügend warm angezogen oder packe ich besser noch einen Notfall-Schal in die bereits überfüllte Tasche? Passen da auch noch mein Notfall-Wasser und die Notfall-Getreideriegel rein? Falls der kleine Hunger kommt. Apropos: Knurrt da etwa bereits mein Magen? Oder muss ich einfach nur mal? Wo befindet sich die nächste Toilette? Nein, das kann nicht warten! Ich muss echt. Und zwar jetzt. Und kaum ist eines der Anliegen gestillt, klopft bereits das nächste an. Ein endloser Teufelskreis. Mann braucht Nerven.

 

Männer sind ungezwungener und viel flexibler als Frauen. Ich habe in den Ferien immer einen festen Plan im Kopf. Ich suche den Reiseführer nach unverzichtbaren Sehenswürdigkeiten, Shoppinggelegenheiten, Restaurants oder Bars ab und stelle mir aus den Ergebnissen eine Liste im Kopf zusammen, die abgearbeitet werden muss. Die Punkte auf der Liste priorisiere ich feinsäuberlich und verteile sie auf die noch verbleibenden Ferientage. Oft weiss ich bereits, wenn ich ein Restaurant vorschlage, welche Speise ich dort bestellen will. Aber wehe es läuft nicht nach Plan. Dann geht gar nichts mehr. Keine Alternative. Denn meist existiert nur ein Plan A. Plan B lautet schlicht: Die Welt geht unter. Wenn es mit Plan A nicht klappt, soll es auch sonst nichts sein. Bloss mit viel Fingerspitzengefühl lasse ich – nach einer ausgedehnten Schmoll-Sequenz und auch nur wenn die Sterne günstig stehen – einen Plan C zu. Aber dazu braucht Mann Nerven.

 

Und wo zeigt sich der Unterschied zwischen Mann und Frau deutlicher als beim Shopping? Wie die meisten Frauen liebe auch ich das Stöbern in Geschäften – ganz besonders im Ausland. Egal was es zu kaufen gibt: Glitzerzeugs, Klamotten, Souvenirs, Kosmetikartikel … ich lasse mich für vieles begeistern. Aber das braucht Zeit. Da schaue ich mir schon mal eine halbe Stunde jeden Artikel ganz in Ruhe durch, fasse alles an, fühle, probiere, überlege, kombiniere im Geist. Und dann verlasse ich den Laden ohne etwas zu kaufen. Nur um einen Tag später zurückzugehen, weil ich die eine wunderschöne Tasche doch haben muss. Unbedingt. Da braucht Mann Nerven. Die etwas rundliche Verkäuferin in dem süssen Krimskrams-Laden hatte recht: Sie hat meinen Freund und mich beim Rumstöbern in ihrem Fünf-Quadratmeter-Shopping-Paradies beobachtet und schelmisch zu ihm gesagt: „You are a very patient man.“ Ja, das ist er. Und ich bin so dankbar dafür.