Verlassenes Paradies
Ich bin zufrieden mit meinem Leben. Jedenfalls war ich das – bis vor kurzem. Denn seit einigen Tagen ist alles anders.
Lassen Sie mich die Geschichte von Anbeginn erzählen: Ich hatte ausreichend Platz in dem alten, behaglichen Haus. Es gab Mitbewohner. Aber ich liess mich geschickt in der einen, ruhigen Ecke nieder. Dort war ich in der hübschen, kleinen Wohnung meist ganz für mich allein. Ich machte es mir dort gemütlich und richtete mein Leben so ein, wie es kaum schöner hätte sein können: Stets gab es Essen in Hülle und Fülle, so dass ich nie hungern musste. Auch wenn es draussen kalt und nass war, hatte ich ein sicheres, warmes Plätzchen. Mir ging es gut und ich war glücklich.
Ab und an musste ich mein Heim mit jemandem teilen. Besonders in den Wintermonaten war häufig Besuch da. Manchmal auch im Sommer. Aber nie durchgehend. So musste ich mich immer wieder an neue Besucher und neue Gesichter gewöhnen. Und kaum bekam ich das hin, verliessen sie mich wieder. Sie packten Koffer, beluden Autos, trommelten Kinder zusammen und fuhren wieder. Das Gute daran: Dabei blieben immer Reste übrig. Die Besucher hinterliessen ihre nicht verspeisten Besorgungen. Davon profitierte ich: Mein Bauch war immer wohlig voll.
Nun dann, so paradiesisch sollte es nicht immer bleiben. Die Nacht nach dem Einzug des jungen Paares sollte vorerst meine letzte in diesem wundervollen Haus sein. Dabei freute ich mich, das Paar kennenzulernen. So sehr, dass ich nachts – ganz meine Tageszeit – auf Erkundungs- und Begrüssungstour ging. Ich beobachtete die beiden aus sicherer Distanz. Sie schliefen und schienen friedliche Menschen zu sein. Ich hatte überhaupt keine Angst und wollte ihnen näher kommen. Doch ich musste vorsichtig sein. Denn ich weckte das Pärchen mehrmals versehentlich auf. Dann wurde es jeweils hell im Zimmer und die beiden sahen müde und auch etwas genervt im Zimmer um sich. Wahrscheinlich war ich zu laut. Also musste ich ruhiger sein. Auf leisen Sohlen verkrümelte ich mich und wartete einen Moment, bis sie wieder einschliefen. Um vermutlich drei Uhr war es so ruhig, dass ich mich zurück ins Zimmer wagte.
Anfänglich gab ich mir Mühe leise zu bleiben. Dann überkam mich ein Gefühl der Übermut: Voller Freude sprang ich aufs Bett des jungen Paares. Kaum dort gelandet, ging eine kreischende Sirene los und die Bettdecke erfuhr einen plötzlichen Ruck, der mich mit Wucht und in hohem Bogen durchs Zimmer an die gegenüberliegende Wand katapultierte. Dort schleifte ich der Wand entlang hinunter hinters Sofa, wo ich regungslos und mit schmerzverzerrtem Gesicht liegenblieb. Daraufhin wurde es wieder hell im Zimmer. Die beiden Schlaftrunkenen scannten mit ihren Blicken vom Bett aus den gesamten Raum ab. Doch sie entdeckten mich nicht. In der Nische hinter dem Sofa blieb ich unbemerkt. Sobald es wieder dunkel wurde und Ruhe einkehrte, quälte ich mich aus dem Versteck in Richtung Küche.
Dabei hätte ich es wohl belassen sollen. Wer weiss, was mich dazu brachte, nochmals zurückzukehren. Der Fehler meines Lebens! Aber es reizte mich so sehr, das reizende Paar kennenzulernen. Deshalb schlich ich mich – etwas erholt von meinem Sturzflug – zurück ins Zimmer. Ich versuchte – nun in sicherer Höhe – einen geeigneten Platz zu finden, um das Paar beim Schlafen zu beobachten. Ich kreiste auf der Zierleiste an der Wand über ihren Köpfen. Ich drehte einige Runden, bis die beiden wieder erwachten. Wieder wurde es hell. Und nun schien auch das Pärchen hellwach. Die Blicke des Paares scannten erneut den Raum. Diesmal gingen die Blicke auch in die Höhe. Bis unter die Decke. Bis zur Zierleiste. Und da entdeckten sie mich. Oh nein, gar nicht gut. Mein erster Gedanke: „Jetzt nur nicht stehen bleiben. Ich renne einfach weiter im Kreis.“
Anfänglich schien die Strategie aufzugehen. In der Mitte des Zimmers stehend berieten sich die beiden. Ihre Blicke verfolgten mich. Manchmal blieb ich stehen. Dann kam er näher. Sie nie. Dann rannte ich weiter. Ich dachte: „Rennen ist besser als Stehen.“ Aber irgendwann ging mir die Puste aus. Ihr auch. Jedenfalls verliess sie das Zimmer. Sie wirkte etwas panisch – warum auch immer. Er ging ihr beschwichtigend hinterher und sie berieten sich nun im Flur. Ich wollte die Chance nutzen und mich rasch in Sicherheit bringen. Aber – da kam er schon zurück. Mit einem Besen bewaffnet. Was nun? Weiterrennen! Er versuchte mich mit dem Besen aus der Bahn zu bringen. Vergebens. Die Situation wurde brenzlig. In einem günstigen Moment, in dem er unkonzentriert wirkte, sprang ich von der Leiste, kletterte die Wand hinunter und flitzte blitzschnell zum Notausgang, wo ich im Dunkel verschwand. Puh, welche Erleichterung.
In dieser Nacht wagte ich mich nicht mehr zurück ins Zimmer. Darum nistete ich mich im Zwischenraum hinter der Wand ein. Aber weil ich mich nicht stillhalten konnte, hörte mich das Paar wohl weiterhin. Wie sonst fanden die beiden den Notausgang? Meinen Notausgang. Der Ausgang, der sich schon so oft bewährte. Sie verstopften das Loch mit ganz viel Zeitungspapier. Ich werde Monate brauchen, um mich durch das ganze Zeugs zu fressen. Gefangen in einem Paralleluniversum werde ich von altem Bauschutt und Altpapier leben müssen.
Ich habe mein Paradies aufgegeben. Ich, Montgomery Gartenschläfer, bereue zutiefst, dass ich das junge Paar nicht schlafen liess, weil ich zu neugierig war.
In Erinnerung an die Ferienwohnung in Scuol und den Gartenschläfer, der uns ebendort nachts nicht schlafen liess.

Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.