Stereotyper Körperkult
Schwitzend sitze ich auf einem Stuhl-ähnlichen Etwas. Ich bewege meinen Oberkörper vor und zurück, während ich in meinem Geist unhörbar auf zwanzig zähle. Jeweils zwanzig Wiederholungen. Immer wieder. Musik dröhnt in unterschiedlichen Stilrichtungen aus diversen Boxen und Räumen. Allen Tonfolgen gemeinsam ist ein auffällig taktgebender Rhythmus. Dazwischen schreit eine Frauenstimme militärische Anweisungen. Anscheinend gibt es Leute, die das animiert. Was mich persönlich wundert. Um mich herum stinkt und stöhnt es. Etwas unwohl in meiner Haut schaue ich herum und frage mich einmal mehr, was ich hier mache. Und mein schmerzender Rücken gibt mir sogleich die Antwort darauf.
Nein, Fitnesscenter sind nicht meine Welt. Und trotzdem gehe ich regelmässig hin. So regelmässig ich es eben schaffe, mich selbst zu motivieren. Und das ist für mich nicht immer einfach. Doch die Belohnung meiner Überwindung ist das Studium der anderen Fitnessbesucher. Ich amüsiere mich dabei prächtig und bin zum Schluss gekommen, dass es – in Klischees gedacht – fünf stereotype Fitnesscenterbesucherinnen und Fitnesscenterbesucher gibt:
Der Bodybuilder
Ich beginne mit dem Klassiker, dem Bodybuilder. Er ist in den meisten Fällen ein Mann, sieht aber auch als Frau so aus. Der Bodybuilder trainiert häufig in Gruppen und ist praktisch jederzeit anwesend: egal zu welcher Tageszeit, egal an welchem Wochentag. Seine Gesprächsthemen drehen sich um Muskelaufbau, Körperfettanteil, protein- und kohlenhydratreiche Ernährung oder sonstige Nahrungsergänzungsstoffe, von denen ich lieber nicht zu viel wissen will. In seiner Statur gleicht der Bodybuilder dem grünen Superhelden Hulk – zumindest im Bereich seiner oberen Körperhälfte. Während die Oberkörper-Muskulatur eines jeden Bodybuilders so mächtig ist, dass sich die darüber liegende Haut fast bis zum Platzen dehnt, fällt der Unterkörper bei vielen Exemplaren unterproportional schmächtig aus. Es scheint als komme der Unterköper beim Bodybuilding-Training nicht selten zu kurz. Da kommt die Frage auf: „Was sehen Bodybuilder in einem Ganzkörperspiegel beim Anblick ihres Selbstbildes?“ Ich sehe: Oben Superheld, unten Pinocchio.
Der Stöhner
Der Stöhner ist immer und ohne jede Ausnahme ein Mann. Meist gehört er der Kategorie der Bodybuilder an. Er bildet aber auch eine kleine Schnittmenge mit den Ambitionierten. Dennoch verdient der Stöhner eine eigene Typen-Kategorie. Warum? Weil er extrem – und zwar unangenehm extrem – präsent ist! Der Stöhner überschätzt sich permanent und legt bei seinen Fitnessgeräten beharrlich einige Gewichte zu viel auf. So schafft er maximal eine Übungswiederholung geräuschlos. Dann beginnt sein Gestöhne. So laut und rhythmisch, dass sich daneben alle peinlich berührt wegdrehen. Auch der Stöhner tritt oft in Gruppen – oder im Minimum zu zweit – auf. Denn die Stöhner motivieren sich gegenseitig. Sie schreien einander zu: „Yeah, go, go … hey, nur noch 45 Wiederholungen! 44! Yeah! 43! …“ Und wenn es trotz allem gar nicht mehr geht, unterstützt der danebenstehende Stöhner nicht nur mental, sondern wird handgreiflich und packt beim Gewichtheben mit an. Dabei frage ich mich: „Wieso, verflixt, legst du nicht einfach 10 kg weniger drauf?“
Die Ambitionierten
Kommen wir zu den bereits erwähnten Ambitionierten: Sie sind meist Einzelkämpfer und treten in gleichmässiger Häufigkeit als weibliche oder männliche Exemplare auf. Die Ambitionierten plaudern kaum. Und wenn doch, dann nur über den letzten oder den nächsten Marathon oder Triathlon oder was auch immer sportlich erstrebenswert scheint. Dem Ambitionierten geht es dann auch nicht um Spass, sondern ums Gewinnen. Anderen geht es ums perfekte Aussehen. Oder um ewige Jugendlichkeit. Aber niemals geht es um Spass. Zielstrebig trainieren sie ihre Ausdauerfähigkeit und straffen ihre Körper, die sie in ultraschicken, atmungsaktiven Sportoutfits präsentieren. Gazellen-artig springen ihre gesunden, manchmal etwas zu braungebrannten Leiber durchs Fitnesscenter. Bei den Ambitionierten frage ich mich, vielleicht ehrlicherweise auch etwas neidisch: „Wie um Himmels Willen kann man nur so motiviert sein?“
Die Teenie-Tussi
Die Teenie-Tussi tritt ausschliesslich im Rudel auf. Sie ist meist eine Frau. Es gibt aber auch männliche Exemplare, die ebenso gackernd wie ihre weiblichen Pendants durchs Fitnesscenter stolzieren. Die Teenie-Tussi ist meist jung oder sehr jung. Sie kann aber auch eine etwas zu jung gebliebene ältere Ausführung sein. Der Teenie-Tussi geht es insbesondere ums Gesehenwerden. Auffallen ist wichtig: Dies gelingt der Teenie-Tussi mit schrillen, leuchtfarbigen, Achtzigerjahre-mustrigen Outfits, die knapp das verdecken, was sogar ihr peinlich zu präsentieren ist. Ihr Auftreten ist immer begleitet von lautem Geschnatter oder Gekicher. Bei den Teenie-Tussis frage ich mich: „Warum trefft ihr euch nicht in der Trend-Bar nebenan, um Klatsch und Tratsch auszutauschen?“ Denn die Teenie-Tussi engagiert sich selten wirklich sportlich.
Die Unsportlichen
Und zu guter Letzt: Die Unsportlichen, zu denen ich mich selbst zähle. Auch die Unsportlichen sind nicht geschlechtsspezifisch zu kategorisieren. Das verbindende Element aller Unsportlichen ist ihre offen zur Schau gestellte Unsportlichkeit – dies teilweise auch ungewollt. In die Kategorie der Unsportlichen gehören auch die Rentner und die Dicken. Allen gemeinsam ist der Wille dem eigenen Körper etwas Gutes zu tun, auch wenn sich der Körper dagegen zu wehren scheint. Nicht wirklich fit, eher schlapp: so sehen auch ihre Sportklamotten aus. Ich bin auf jeden Unsportlichen stolz, der sich aller körperlichen Ungereimtheiten zum Trotz aus gesundheitlichen Gründen immer wieder zur sportlichen Betätigung überwindet. Darum will ich hier jeden unsportlichen Fitnessbesucher motivieren: „Lass dich nicht von den Stöhnern irritieren oder von den Ambitionierten demotivieren. Lass dich weder von den Bodybuildern abschrecken, noch von den Teenie-Tussis ablenken. Konzentriere dich auf dich und mach einfach weiter deine Übungen. Yeah, go, go, go … !“