Verstehen wir uns?

Wie unterschiedlich Frauen und Männer kommunizieren

„Wo warst Du?“, fragt er mich, als ich vom Badezimmer zurückkomme. Wir sind zu Besuch bei seinen Eltern und wollen etwas später noch Freunde treffen. Damit ich fürs Ausgehen frisch aussehe, bin ich im Badezimmer verschwunden, um meine „Fassade aufzubessern“. So nenne ich das korrigierende Eingreifen in meinem Gesicht mit diversen, meist überteuerten, Schminkutensilien. Und so beantworte ich auch seine Frage. Ich kann es dann aber nicht lassen, ein etwas zu vorwurfsvoll klingendes „Siehst Du das nicht?“ hinterher zu werfen. Darauf reagiert er trocken: „Ah doch, siehst schon etwas frischer aus als zuvor.“ He, das geht mir dann doch zu weit: „So? Dann habe ich zuvor also Scheisse ausgesehen?“ Daraufhin schlägt er sich kopfschüttelnd die Hand vor seine Augen und ich muss schallend lachen.

Verstehen wir uns?

Illustration: Rahel Winiger

Wenn ich die Konversation Revue passieren lasse, muss ich selbst gestehen, dass er grundsätzlich keine Chance hatte, die „richtigen Antworten“ zu liefern. Denn die Art, wie Männer kommunizieren, unterscheidet sich ganz schön von der Art, wie wir Frauen dasselbe tun. Männer sagen genau das, was sie meinen. Nicht mehr und nicht weniger. Wir Frauen dagegen sind Zwischen-den-Zeilen-Leserinnen – oder im mündlichen Kontext eher In-die-Aussagen-Interpretiererinnen. Das kann in gewissen Situationen hilfreich sein. Nämlich dann, wenn uns unser Gefühl nicht täuscht. Dann nennt sich das „Feingefühl“. Häufig hat es aber mit Feingefühl wenig zu tun. Häufig handelt es sich um reine Interpretation, die völlig willkürlich in jede Richtung explodieren kann. Und ist die Zündschnur einmal gezündet, ist es ein fast unmögliches Unterfangen dieses Feuerwerk der Hirngespinste wieder zu löschen. Und für den pragmatisch denkenden Mann ein Spiessrutenlauf, um die genau „richtige“, uns zufriedenstellende Antwort zu finden.

 

Anderes Beispiel, ähnliche Baustelle: Neulich sprechen wir mit meiner Schwester und ihrem Freund über ihre Ferienpläne. Sie fahren tags darauf zum Campieren nach Südfrankreich und diskutieren über Ferienaktivitäten am Zielort. Sie sagt begeistert: „Ich habe im Internet gesehen, dass man dort Velos mieten kann.“ Er, der technisch interessierte Fahrradbastler, will wissen: „Ach, und wie sind die denn so?“ Woraufhin sie antwortet: „Gelb.“ – Klar, im Nachhinein ist mir auch bewusst, dass er wohl mit seiner etwas zu offen gestellten Frage wissen wollte, wie viele Gänge die Fahrräder haben, ob sie über Scheibenbremsen, Nabenschaltung und Nabendynamos verfügen, ob die hoffentlich LED-Lichter fix oder portabel montiert sind. Oder ob die Fahrräder so leicht sind, das sie sich auch ganz einfach über eine Treppe tragen lassen. Aber in dem Moment, in dem ich die Aussage meiner Schwester gehört habe, fand ich „Gelb“ eine völlig akzeptable Antwort. Und ich habe vor meinem geistigen Auge eine sommerliche Hafenstadt in Südfrankreich gesehen, in welcher ganz viele glückliche Menschen auf hübschen gelben Fahrräder rumkurven – völlig egal wie schwer die Fahrräder sind und wie viele Gänge die haben.