Weihnachten
Immer am 24. Dezember haben meine jüngeren Geschwister und ich mit unserem Vater einen Weihnachtsausflug gemacht. Das war jedes Jahr so. Meine ganze Kindheit. Und es war jedes Mal wunderschön. Jedes dritte Jahr war auch unser Grossvater dabei. Unser Grossvater, das Familien-Christkind, das am selben Tag Geburtstag hatte.
Ich erinnere mich: Gegen Mittag brechen wir auf. Warm angezogen und mit genügend Proviant ausgerüstet, steigen wir ins Auto und fahren von Ebnet Richtung Marbachegg. In Marbach wechseln wir auf die Gondelbahn, um auf den Berg zu kommen. Mein Vater besänftigt uns Kinder. Mir ist nie so wohl in der Luft und ich bin froh, wenn wir bald oben ankommen. Dort wo wir den ganzen Nachmittag verbringen. Wenn es Schnee hat, bauen wir Schneemänner. Papis Rucksack bringt sogar Karotten und flache Steine zum Vorschein, die unseren Schneemännern perfekte Gesichter verpassen. Oder wir legen uns auf den Rücken und wischen mit unseren Armen und Beinen Engelsfiguren in den unberührten Schnee. Die Kälte draussen spüren wir gar nicht. Aber beim Aufwärmen im Bergrestaurant bin ich überzeugt, dass die heisse Ovi nirgendwo besser schmeckt als hier.
Währenddessen bleibt unsere Mutter daheim. Sie schmückt das Haus und unseren Weihnachtsbaum. Sie kocht unser Lieblingsessen und packt die letzten Geschenke ein. Papi sagt, das Christkind würde ihr helfen. Aber nur alle drei Jahre wird Mami von ihrer Mutter unterstütz. Die beiden Frauen spielen Weihnachtsengel und wir Kinder glauben daran.
Im Verlauf des Nachmittags ruft Papi daheim an. Aus der Telefonkabine des Bergrestaurants. Er braucht das OK für die Rückkehr ins Weihnachtsparadies. Erst wenn sie sagt, es sei gut, machen wir uns auf den Heimweg. Allerdings gehen wir nicht direkt nach Hause. Wir machen immer erst einen Stopp. In einem Wäldchen etwas abseits der Strasse. Dort dürfen wir Kinder einen Baum aussuchen. Diesen Tannenbaum schmücken wir mit Kerzen, die uns Mami davor liebevoll vorbereitet und in Papis Rucksack versteckt hat. Wenn alle Kerzen brennen, stehen wir einen Augenblick ruhig um den Tannenbaum und bestaunen das Licht im ruhigen, dunklen Wald. Manchmal singen wir einige Weihnachtslieder, die wir von der Schule kennen. Oder wir atmen einfach ganz still diesen magischen Moment ein. Dieser Moment, der erst in einem Jahr wieder da sein wird.

Foto: ©helen123 / http://www.ronorp.net
Vor ein paar Tagen habe ich im Ronorp-Newsletter dieses Weihnachtsbild gesehen. Es hat mich an all das Schöne erinnert.
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