Jetzt habe ich mich so auf den Frühling gefreut. Und dann das!

Nach einer wahren Begebenheit (von heute Morgen).

Heute Morgen, 8 Uhr. Ich erwache – für mich am Wochenende zeitig – und will noch etwas liegen bleiben. Ganz gemütlich. Ist ja schliesslich Sonntag. Mit halb zugekniffenen Augen schaue ich schlaftrunken an die gegenüberliegende Wand. Ich kuschle mich in die warme Decke. Und plötzlich entdecke ich einen schwarzen Fleck auf der weissen Wand, den sogar ein blindes Huhn wie ich ohne Brille sieht.

 

Mir schwant Schlimmstes. Von Adrenalin aufgescheucht und jetzt hellwach springe ich aus dem Bett, taste halb blind nach meiner Brille, setzte sie auf und werde sodann in meiner schlimmsten Vorahnung bestätigt: Eine dicke, schwarze Spinne! Sie spreizt ihre acht hässlichen dicken Beine genüsslich über die leuchtend weisse Wand. Der Kontrast könnte nicht grösser sein: Wie Yin und Yang. Das Gegensätzliche klebt an meiner Wand und sieht aus wie die schreckliche Missgeburt des Teufels. Die Spinne scheint mich anzugrinsen in ihrer überlegenen Arroganz.

 

Oh mein Gott, und das ausgerechnet in den zehn Tagen, in denen ich alleine daheim bin. Ich überlege: Soll ich kurz entschlossen die nötigsten Siebensachen packen und ins Hotel ziehen bis mein Freund wieder da ist? Er kann ja dann die gesamte Wohnung ausräuchern. Alternativ kommt mir grad niemand in den Sinn, den ich am Sonntagmorgen anrufen und zum Töten bitten könnte. Oder soll ich einfach das Schlafzimmer verriegeln und die verbleibenden Nächte auf dem Sofa im Wohnzimmer verbringen? Aber das sind alles nur halbpatzige Lösungen. Und insgeheim weiss ich: Die naheliegendste Lösung ist, iiiiii… ich nehme selbst den Kampf gegen das Monster auf.

 

Aber eines steht fest: Von blosser Hand erledige ich meinen ärgsten Feind nicht. Ausserdem klebt das Monster fast an der Decke. Da komme ich nicht mal mit ausgestreckten Armen auf einem Stuhl stehend hin. Vielleicht klappt es mit dem Staubsauger? Nein, die Spinne ist zu gross. Ausserdem mache ich mir Sorgen, dass sie im Staubsaugerbeutel weiterlebt und im schlimmsten Fall den Weg zurück in meine Welt findet. Also auch keine Lösung.

 

Zum Putzschrank hetzend begleiten mich Herzrasen und kalter Schweiss. Ich wühle überhastig die viel zu grosse Spraydosen-Sammlung durch. Irgendwo muss noch ein Spinnen-Spray rumstehen. Wo? Wo? Wo? … nur wo? Ach, hier ist das Giftgas! Aber Mist: fast leer! „Nun ja“, denke ich mir: „Besser das als gar nichts.“ Ich schüttle die Dose wie eine Irre. Kann ja nicht schaden. Barfuss tripple ich zurück ins Schlafzimmer. Auf zum Giftgasangriff! Im Schlafzimmer kommt mir wieder in den Sinn, dass ich auch mit Spraydose bewaffnet zu klein bin, um mit ausgestrecktem Arm bis ganz oben zu gelangen. Gut, der Sprühstoss der Dose ist auch noch miteinzurechnen. Aber da meine Munition beschränkt ist, gehe ich lieber auf Nummer sicher: Ich hole in der Küche einen Stuhl, den ich im Zimmer nicht zu weit, aber auch nicht zu nahe an die Spinne heranstelle. Dann muss ich jede Faser meines Körpers überwinden, um mich auf den Stuhl zu stellen. So nah war ich dem Monster noch nie. Ich hoffe, die Spinne bewegt sich nicht. Sonst falle ich augenblicklich ohnmächtig vom Stuhl. Echt jetzt.

 

Dazwischen drängen mich immer wieder Fluchtgedanken, die ich sogleich verwerfe: Ich bin ungeschminkt und im Pyjama. Also, reiss dich zusammen! Die Fluchtgedanken werden von Erinnerungen an zu gut gemeinte Tipps abgelöst, die mir meist Mantra-artig vorgetragen werden, wenn ich irgendwo einer Spinne begegne und in Schockstarre gerate.

„Die Spinne hat mehr Angst vor dir als du vor ihr.“ – Nein, glaub mir, das ist kaum möglich. „Die Spinne tut dir nichts.“ – Doch, sie versetzt mich in Angst und Schrecken. „Die Spinnen hierzulande sind nicht giftig.“ – Nein, ehrlich? „Das kann man therapieren!“ – Und was bringt mir das jetzt in diesem Moment? „Spinnen sind Zeugen eines gesunden Haushalts“ – Dann hab ich echt lieber einen ungesunden.

 

So, aber jetzt nicht ablenken: Einmal fest auf den Sprühknopf drücken. Wegschauen. Weitersprühen. Mit einem Auge hinschauen. Weitersprühen. Was? Schon leer? Die Spinne hat sich fallen lassen. Schnell runter vom Stuhl. Die Spinne am Boden sieht nun recht gebrochen aus. Es klebt noch etwas Sprühschaum auf ihr. Ich glaube sie ist tot. Ich sprühe trotzdem noch die letzten Giftgase aus der Dose. Die Spinne ist für mein Dafürhalten sogar in dieser erbärmlich zusammengekauerter Haltung noch zu gross. Was mach ich jetzt mit ihr? Eigentlich habe ich den Kampf gewonnen, aber die Spinne macht mir weiterhin das Leben schwer. Ich kann sie auch in diesem Zustand und nicht mal mit Handschuhen oder Küchenpapier aufheben. Erneut überlege ich, ob ich für die nächsten Tage ins Hotel oder ins Wohnzimmer ziehen soll. Oder einfach ein dickes Buch auf die tote Kreatur legen? Im Sinne von: Aus den Augen aus dem Sinn. Aber dafür ist mir jedes Buch zu schade. Und da kommt mir erneut der Staubsauger in den Sinn: Jetzt wo die Spinne tot scheint, heisse ich die Staubsaugerentsorgung gut.

 

Wohl wissend, dass mein Feind mit einer Überdosis im Staubsauger-Sack festhängt, beginne ich endlich, den Frühling zu geniessen. Obwohl: Eigentlich nehme ich es dem Frühling ganz schön übel, dass er mir einen solchen Boten geschickt hat. Gleich morgen gehe ich eine neue Sprühdose Giftgas kaufen. Wer weiss, was der Frühling sonst noch vorhat.