Das Zug-Glück
Ein Zug rollt kurz nach 23 Uhr aus dem Bahnhof Olten in Richtung Luzern. Er stoppt praktisch an jeder Haltestelle, wo Passagiere ein- und aussteigen. Der Zug ist nicht ganz voll, nur gerade so, dass jedes Abteil besetzt ist.
In einem Abteil sitzt eine junge Frau Anfang zwanzig, die müde gähnt und offensichtlich froh wäre bald daheim zu sein. Sie sitzt in Fahrtrichtung alleine in ihrem Abteil. Um Punkt 23.10 Uhr steigt in Aarburg-Oftringen ein junger Mann zu. Er steuert zum Abteil, in dem die zarte Frau alleine sitzt und fragt sie in etwas zu lautem Ton – ohne die auffälligen Kopfhörer zu heben – ob er sich setzen dürfe. Er wartet ihr Nicken ab, grinst sie an und setzt sich vis-à-vis entgegen der Fahrtrichtung hin.
Aus seinen Kopfhörern ertönen dumpfe Basstöne, verzerrte Gitarrenklänge und ab und an ein kurzer Aufschrei. Klingt auch durch die Schalldämpfung der Kopfhörer nach Rockmusik. Er sieht auch danach aus: dunkle Klamotten von Kopf bis Fuss und schulterlanges Haar. Sie gehört offensichtlich einer anderen jugendlichen Subkultur an. Trotzdem scheinen sich die beiden sympathisch zu sein, achten aber darauf, dass sich ihre Blicke nicht kreuzen. Wenn sie es doch tun, huscht beiden ein scheues Lächeln übers Gesicht.
Sie versuchen beide unangestrengt zu wirken. Sie drückt – mittlerweile gar nicht mehr so müde wirkend – auf ihrem Smartphone herum. Von Zeit zu Zeit schaut sie konzentriert aus dem Fenster in ihr Abbild, das sich in der Dunkelheit der Nacht an der Zugscheibe spiegelt. Er hängt lässig in seinem Sitz und drückt währenddessen hörbar von Lied zu Lied. Dann richtet er sich auf um seine Haare zu ordnen, die sich in den Kopfhörern verfangen haben. Dazu hebt er den Kopfhörer leicht vom einen Ohr, fummelt ungeschickt an seinen Haaren rum und sagt ganz nebenbei zu ihr: „Du trägst schöne Schuhe!“ Sichtlich überrascht strahlt sie ihn verlegen an und bringt nur ein verkrampftes „Danke!“ über die Lippen. Danach geht die Szene weiter wie gehabt: beschämtes Schweigen, nervöser Blickkontakt, verlegenes Lächeln.
Kurz vor 23.30 Uhr hält der Zug in Wauwil. Er steht auf, hebt den Kopfhörer nochmals kurz vom einen Ohr, verabschiedet sich freundlich und wünscht ihr einen schönen Abend. Sie entgegnet: „Danke, das wünsche ich Dir auch.“ Dann schaut sie ihm nach, wie er den Zug verlässt und wie er draussen an ihrem Fenster vorbeiläuft und hinter dem beleuchteten Bahnhofgebäude in der Dunkelheit verschwindet. Als er nicht mehr zu sehen ist, setzt sie sich aufrecht hin, schaut runter zu ihren Schuhen und lächelt.