(Schl)immer Morgen

Es war kein Tag wie jeder andere, das merkte Amelie schon am Morgen, als sie aufstand. Und dieses noch unbestimmte Gefühl sollte sich schon bald bestätigen. Auf dem Weg zur Arbeit wollte Amelie noch kurz in den Supermarkt bei ihr um die Ecke. Aber da war keine Ecke mehr.

Wie durch Zauberhand schien über Nacht alles rund geworden zu sein. Alles sah ganz anders aus. Weit und breit bemerkte Amelie keine einzige Kante mehr. Amelie konnte sich kaum noch orientieren. Die ganze Umgebung wirkte wie ein flauschiger Berg aus hellen Wollknäueln. Alles war rund, weich und weiss.

 

Diese verdrehte Situation verwirrte Amelie. Ganz durcheinander tappte sie der Hausmauer entlang, die an das Haus anschloss, in dem sie wohnte. An der einst gerade verlaufenden Mauer, standen unzählige Wölbungen hervor. Amelie schaute der Hausmauer entlang nach oben. Das Nachbarhaus sah jetzt aus wie ein buckliger Wolkenturm, der watteartig geformt in den Himmel ragte. Vollkommen benommen wollte Amelie sich an der entstellten Hausmauer abstützen. Doch die Mauer gab sofort nach und fiel unter Amelies Händen in sich zusammen wie Zuckerwatte.

 

Geschockt blickte Amelie nach unten. Das einzige was noch stabil zu sein schien, war der Boden unter ihren Füssen. Das beruhigte Amelie ein wenig. Doch auch die Strasse war nun hügelig gewölbt. Zum Glück hielt sie weiterhin allem stand. Immerhin.

 

Amelie erkannte das Quartier, in dem sie lebte, an diesem Morgen nicht mehr wieder. Gestern Abend stieg sie genau hier, zehn Schritte von ihrer Wohnung entfernt, an der Tramhaltestelle vor dem Supermarkt aus. Am Abend war alles noch beim Alten. Und am Morgen alles anders, die Haltestelle nicht mehr auffindbar. Wo sie normalerweise aus dem Tram aus- und einstieg, war weder ein Tramgeleise noch eine Haltestelle zu sehen. War die Haltestelle unter dem auffällig grossen Haufen kugelähnlichem Etwas versteckt? Im Grunde egal. Denn die Tramhaltestelle erübrigte sich ohnehin: So wie sich die Strasse jetzt hügelig durchs Quartier schlängelte, hätte kein Tram mehr den Weg hindurchgefunden.

 

Und wo war der Supermarkt? Amelie, die jeden Morgen an den Stehtischen beim Haupteingang des Supermarkets ihren Latte-Macchiato schlürfte, fragte sich, wo sie an diesem Morgen ihren heissen Wachmacher bekommen sollte. Und dabei wäre doch gerade heute ein Kaffee besonders wichtig.

 

Von all den Eindrücken überwältigt kniete sich Amelie todmüde und verzweifelt auf die Strasse. Sie lehnte sich mit dem Rücken an die Hausmauer. Diese dehnte sich, Amelies Gewicht nachgebend, nach hinten, so dass sie mit dem Oberkörper in der Hausmauer versank. Und dabei fühlte sich das zuckerwatteartige Etwas gemütlich und weich an. Die Mauer formte sich wie ein gepolstertes Bett rund um Amelie, die eine wohlige Müdigkeit überkam. Amelies Augen fielen zu und sie kämpfte noch etwas damit wach zu bleiben. Bis sie kurz darauf in einen tranceartigen Schlaf verfiel.

 

Dann klingelt der Wecker. Pünktlich um 6.00 Uhr. Wie jeden Morgen.

Das Vivai-Magazin 03/2016 forderte seine Leserinnen und Leser auf, eine Geschichte fertig zu schreiben. 
Der fett geschriebene Anfang war vorgegeben. Der Rest ist mein Beitrag dazu.