Hallo … hoi Gehirn
Mein Gehirn funktioniert wankelmütig und selektiv. Es gibt Bereiche, in denen ich mir jeden kleinen Scheiss bis hin zu komplett unnötigen Details merken kann. Und dann gibt es besorgniserregend grosse blinde Flecken, die gänzlich an meinen Hirnwindungen abzuprallen scheinen.
Ich kann mir zum Beispiel merken, wer an welchem Anlass wie gekleidet war. Das können auch ganz unwichtige Gelegenheiten gewesen sein. Klar, dass ich noch weiss, was ich an meinem ersten Schultag anhatte [hellblauer Pullover zu hellblauer Hose und dazu am Rücken eine hellblaue Lederschultasche, die ich mir – neben der Farbe – nur ausgesucht habe, weil mir die weisse Comicmaus auf dem Deckel so gefallen hat]. Ebenso klar, dass ich mich auch nach über neun Jahren noch daran erinnere, wie mein Freund bei unserem ersten Treffen gekleidet war [orangefarbenes T-Shirt mit der Aufschrift „Berlin“, dunkelblaue Jeans und orangefarbene Turnschuhe]. Soweit so gut. Aber ich kann mir auch merken, welche Bluse meine Arbeitskollegin am ersten Arbeitstag nach ihren Sommerferien in Mallorca trug [weisse Bluse mit grossen gelben Zitronen] oder welche Hose meine Nachbarin auf dem Balkon vis-à-vis anscheinen am liebsten mag [weisse Dreiviertelleinenhose mit unschön tiefem Schritt]. Diese Details brennen sich in mein Hirn ein. Keine Ahnung für was diese Gabe gut sein soll, aber anscheinend habe ich ein textiles Gedächtnis.
Wohingegen mein Gehirn ausnahmslos versagt: Ich kann mir keine Namen merken. Das behaupten viele von sich, aber bei mir ist es so, dass ich froh bin, wenn ich meinen eigenen Namen nicht vergesse. Lerne ich neue Leute kennen, weiss ich schon davor, dass ich mir deren Namen nicht werde merken können. Sobald mir ein neuer Name – meist begleitet von freudigem Händeschütteln – entgegenhallt, habe ich ihn gleich wieder vergessen. Namen klingen in meinen Ohren nicht wie Wörter, sondern wie nichtssagendes Rauschen. Ich sage dann einfach: „Hallo [Punkt].“ Das muss reichen. Kürzlich gab mir mein Arbeitskollege, den Namen einer Dame an, bei der ich mich melden sollte. „Gerda Bieri heisst sie“, informierte er mich. Ich brauchte maximal fünf Sekunden, um einen Zettel und einen Stift hervor zu grübeln. Dann wiederholte ich beim Notieren des Namens: „Also, G-e-r-d-a M-ü-l-l-e-r.“ Erst als mein Arbeitskollege brüllte: „nein, Bieri!“, merkte ich, dass der Name aus seinem Mund anders geklungen hat. Darum begrüsse ich morgens beim Kaffeeautomaten einfach alle Arbeitskollegen mit „Hallo … hoi.“ Falls mir – in ganz seltenen Fällen – der Name meines Gegenübers nach dem ersten „Hallo“ einfällt, nenne ich diesen mit Stolz gefüllter Brust. Wenn nicht, folgt nach einer kurzen Kunstpause einfach das „Hoi“. Also mit einem Namensgedächtnis bin ich nun wahrlich nicht gesegnet. Hallo …? … hoi.
Und genauso schlimm wie mit Namen ergeht es mir mit Zahlen. Auch Zahlen kann ich mir unmöglich merken. Nicht mal eine einstellige Strassennummer verirrt sich auch nur in mein Kurzzeitgedächtnis. Null Chance. Zahlen prallen in meinen Hirnwindungen gänzlich ab. Es sei denn, sie formatieren sich zu einem Datum. Sobald Zahlen im Kleid eines Datums vor mir auftauchen, kann ich sie mir merken. Und dann ganz pedantisch. Da kann ich mir Geburtstage, Jahrestage, Zahnarzttermine sämtlicher Familienmitglieder merken ohne sie in einer Agenda zu notieren. Klar, dieses Datumsgedächtnis ist häufig hilfreich, aber neigt sich dann auch bis zum Absurden: „Weisst Du noch, heute vor drei Jahren waren wir mit dem Schiff auf dem Vierwaldstättersee und haben dort in der ersten Klasse Prosecco geschlürft?“ – Nein, ehrlich? Gähn.
Wie gesagt: Meine Gabe, mir mehr oder weniger nützliche Dinge zu merken, ist teilweise hilfreich. Aber häufig nur nervig – vor allem für meine Mitmenschen. Denn ich schmiere mein Wissen den Unwissenden dann immer so penetrant unter die Nase: „Aber vor vier Monaten haben wir in eben demselben Teammeeting das Gegenteilige besprochen. Du hast damals gesagt, dass… [Fakt eintragen und weiternerven].“ Bis es dann halt um Namen geht: „Doch, dieser Dings, der Kollege von dem anderen, der jeweils mit der Blonden, die häufig kurze Sommerkleidchen trägt, an unserem Büro vorbei läuft, hat doch gesagt, dass wir bis zum 31. Oktober damit fertig sein sollen.“ – Hallo Hirn, wie nur setzt du deine Prioritäten?