Intimer Umzugsstress

An diesem Wochenende wird „gezügelt“ in Luzern. Es ist offizielles Umzugswochenende und auch unser Quartier scheint daran erkrankt zu sein: Überall parken Umzugswagen auf sonst unbefahrenen Gehwegen. Vor unbewachten weit geöffneten Eingangstüren stehen die Habseligkeiten der Weiterziehenden. Manchmal auch der Ankommenden. Fliegender Wechsel. Ein logistisches Meisterwerk, welches nur Direktbetroffene hinkriegen – irgendwie.

 
Herrenlos stehen Berge von Zeugs vor den Häusern. Zeugs, das eigentlich viel zu privat ist, um es auf der Strasse öffentlich auszustellen. Trotzdem stehen sie da. Stühle und Lampen, die es eigentlich nicht wert sind, an den neuen Ort gebracht zu werden. Halbzerlegte Kommoden und Schränke, die vermutlich nie mehr ihre ursprüngliche Form erreichen. Polstermöbel, die eher an einen Katzenkratzbaum als ein gemütliches Wohnzimmermöbel erinnern. Fitnessgeräte, die als einziger Umzugsgegenstand wie neu aussehen. Daneben stehen Besenstile ohne Borstenkopf, Skier aus den Siebzigerjahren, halbtote Zimmerpflanzen in desolaten Pflanzentöpfen, eine Parkuhr – eine Parkuhr? Was Leute so alles aufbewahren – Heizkörper, Ventilatoren, Schuhe, Mikrowelle, Kleiderständer, Gartenschaufel … einfach alles, was die heutige Zivilisation an Überlebenswichtigem hervorgebracht hat.

 
Und überall diese Kisten. Kisten soweit das Auge reicht. Beschriftete Kisten, die durch ihre Wortwahl ebenfalls ein peinliches Schamgefühl in mir auslösen: „Ritas VHS-Kassetten“, „Rudis Spielzeugeisenbahn“, „Fotos Klassentreffen 1989“, „Schlageroutfits von Peter“, „Unterwäsche Helen“. Und neben den Kisten stehen übersättigte Plastiksäcke, die hinhalten müssen, wenn die Zügelkisten alle sind. Lieblos in der Eile vollgestopft mit dem letzten in der Wohnung noch rumliegenden Kram.

 
Nicht dass es bei einem Umzug meines Hausrats besser aussehen würde. Ich habe ebenfalls viel zu viel Plunder. Und auch bei mir wäre sicher nicht alles umzugswürdig, was ich mitnehmen wollte. Bei meinem letzten Umzug hat ein erschöpfter „Zügelmann“ nach einem langen Umzugstag zu mir gesagt: „Sie haben viele Sachen!“ Das Wort „viele“ hat er dabei betont in die Länge gezogen. Mein Freund erzählt diese Episode gerne in unserem Bekanntenkreis weiter und ergänzt zum Schluss: „Und das war ein Mitarbeiter eines professionellen Umzugsunternehmens, welcher bei all den Umzügen sicher schon viel Krasses gesehen hat.“

 
Ok, das nächste Mal ziehe ich ohne fremde Hilfe um – und zwar im Dunkeln der Nacht. So, dass niemand meine peinlich beschrifteten Kisten, meine schlampig vollgestopften Säcke und meine vieeeeeeel zu vieeeeeeelen Sachen sieht. Denn so ein Umzug ist einfach viel zu intim.