Verstehen wir uns?

Wie unterschiedlich Frauen und Männer kommunizieren „Wo warst Du?“, fragt er mich, als ich vom Badezimmer zurückkomme. Wir sind zu Besuch bei seinen Eltern und wollen etwas später noch Freunde treffen. Damit ich fürs Ausgehen frisch aussehe, bin ich im Badezimmer verschwunden, um meine „Fassade aufzubessern“. So nenne ich das korrigierende Eingreifen in meinem Gesicht mit diversen, meist überteuerten, Schminkutensilien. Und so beantworte ich auch seine Frage. Ich kann es dann aber nicht lassen, ein etwas zu vorwurfsvoll klingendes „Siehst Du das nicht?“ hinterher zu werfen. Darauf reagiert er trocken: „Ah doch, siehst schon etwas frischer aus als zuvor.“ He,…

Fragen entfalten sich

Zum Thema Entfaltung habe ich mehr Fragen als Antworten. Und weil Fragen die Wegweiser auf dem Pfad der Erkenntnis sind, frage ich drauflos: Ist es erstrebenswert sich zu entfalten? Was macht einen entfalteten Menschen denn aus? Und was unterscheidet ihn von seinem vorherigen, nichtentfalteten Zustand? War er davor gefaltet wie ein Blatt Papier, um sich dann entfalten zu können? Oder war er zusammengeknäuelt wie ein misslungener Liebesbrief im Papierkorb? Kommt jeder Mensch gefaltet oder als Knäuel zur Welt, um sich im Laufe seines Lebens zu entfalten? Oder gibt es Menschen, die bereits entfaltet in die Welt treten? Ist ein Mensch,…

Stereotyper Körperkult

Schwitzend sitze ich auf einem Stuhl-ähnlichen Etwas. Ich bewege meinen Oberkörper vor und zurück, während ich in meinem Geist unhörbar auf zwanzig zähle. Jeweils zwanzig Wiederholungen. Immer wieder. Musik dröhnt in unterschiedlichen Stilrichtungen aus diversen Boxen und Räumen. Allen Tonfolgen gemeinsam ist ein auffällig taktgebender Rhythmus. Dazwischen schreit eine Frauenstimme militärische Anweisungen. Anscheinend gibt es Leute, die das animiert. Was mich persönlich wundert. Um mich herum stinkt und stöhnt es. Etwas unwohl in meiner Haut schaue ich herum und frage mich einmal mehr, was ich hier mache. Und mein schmerzender Rücken gibt mir sogleich die Antwort darauf. Nein, Fitnesscenter sind…

Blöd, aber glücklich

Der Artikel in der Sonntagszeitung vom 14. Juni 2015 hat mich eiskalt erwischt: Unter der Überschrift „Rabatte wirken wie Schmerztabletten“ erläutert die Autorin, weshalb wir auf Rabattaktionen und leuchtende Preisschilder reagieren. Demnach sind wir alle bloss von Neuronen gesteuerte Marionetten, die sich bei Kaufentscheiden von Reizen im Gehirn manipulieren lassen. Keine bewussten Entscheidungen also?   Gerne würde ich diese Frage für mich dementieren, wäre mir nicht zwei Tage zuvor genau das im Artikel Beschriebene widerfahren: Ich bin bei den vielen leuchtenden Rabatt-Aufklebern automatisch von unschlagbaren Schnäppchen ausgegangen und habe ganz simpel auf die Schlüsselreize reagiert. Die rabattierten Preise waren im…

Verlassenes Paradies

Ich bin zufrieden mit meinem Leben. Jedenfalls war ich das – bis vor kurzem. Denn seit einigen Tagen ist alles anders.   Lassen Sie mich die Geschichte von Anbeginn erzählen: Ich hatte ausreichend Platz in dem alten, behaglichen Haus. Es gab Mitbewohner. Aber ich liess mich geschickt in der einen, ruhigen Ecke nieder. Dort war ich in der hübschen, kleinen Wohnung meist ganz für mich allein. Ich machte es mir dort gemütlich und richtete mein Leben so ein, wie es kaum schöner hätte sein können: Stets gab es Essen in Hülle und Fülle, so dass ich nie hungern musste. Auch wenn es…

Mann braucht Nerven auf Reisen

Auf Reisen wird der Unterschied zwischen Mann und Frau besonders deutlich. Ich spüre dann meine ursprünglichsten Bedürfnisse noch dringlicher als sonst – was bei Männern scheinbar nie so ist. Nicht ohne Grund hat mir mein Freund das schwarze T-Shirt geschenkt, auf dem in grellen, vorwurfsvollen Grossbuchstaben die Aufschrift „HUNGER – PIPI – KALT“ leuchtet. Die…

Radikale Fluggesellschaft

Ich habe soeben bei easyJet den Flug nach London gebucht. Bestätigung erhalten. Alle erledigt.   Ach, Sie haben bereits alle erledigt für mich? Aber das wäre doch nicht nötig gewesen. Vielen herzlichen Dank.   Flug gebucht. Tasche gepackt. Alle erledigt. Was willst Du mehr?   Jetzt nur noch die Ferien geniessen. Denn alle sind bereits…

Zeitzonen einer Liebe

Oder weshalb Fleischkochen doch nicht so wichtig ist. Ich erinnere mich an Besuche bei meiner Grossmutter, die jedes Mal die Frage beinhalteten: „Hast du nun einen Freund?“ Jahrelang verneinte ich diese Frage schuldbewusst. Und mit jedem weiteren Mal sank meine Hoffnung, diese eine Frage je bejahen zu dürfen. Gleichzeitig erhöhte sich mit jeder Frage meine Sehnsucht danach.   Für meine Grossmutter, im Grunde eine eigenständige Frau, hört in Sachen Männer spätestens in der Küche der Spass auf. Ihre Devise lautet: Jede Frau hat ihren Mann kulinarisch zu verwöhnen. Das Glück des Mannes geht durch seinen Magen und liegt in den…

1433 Minuten

Es ist kalt und – obwohl erst halb sieben – bereits dunkel. Der Winter zeigt sich in seinem mir unbeliebtesten Kleid: Er hat alles weiss und eisig gemacht – und mir damit das Leben schwer. Warm eingepackt stehe ich an der Bushaltestelle. Friere trotzdem. Der Biswind durchdringt meine Jeans, als ob sie gar nicht da…

Drei gibt es nicht – weil es einfach so ist

Ich stehe in einem Pausenraum, der eindeutig das Revier von Männern ist. Der Kalender an der Wand erinnert an den Kultkalender von Pirelli. Viel Haut. Wenig Bikini. Auf engstem Raum steht alles Notwendige – pragmatisch, praktisch, gut. Den Selecta-Kaffee lehne ich aus Erfahrung ab. Im Hintergrund läuft „Another Brick in the Wall“ von Pink Floyd. „We don’t need no education“ höre ich den Kinderchor singen. Aber bald werde ich merken: Heute trifft das nicht auf mich zu. Noch im Pausenraum erfahre ich, dass im Bahnhof Davos Platz fast 50 Züge pro Tag ein- und ausfahren. Extrazüge und Güterzüge nicht mitgerechnet.…